
Neue Arbeitswelt
Die Anforderungen an den Beruf haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Fachkräftemangel und demografischer Wandel führen dazu, dass sich Unternehmen noch schneller anpassen müssen, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren.
ie Arbeitswelt befindet sich in einem ständigen Wandel, denn die Arbeitsprozesse werden immer schneller und vernetzter. Längst sind viele Berufe nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden, sondern das Wann und Wo lässt sich flexibel bestimmen. „Das gilt jedoch nur für Wissensberufe“, erklärt Zukunftsforscher Andreas Reiter, der europaweit Unternehmen hinsichtlich Positionierung und Strategie berät. „Davon sind die klassischen Dienstleistungsberufe zu unterscheiden, die ortsgebunden sind, wie etwa Friseure.“ Generell nimmt aber gerade die Wissensarbeit stetig zu, da durch die wachsende Digitalisierung immer spezialisiertere Fachkräfte gefragt sind.
Um sich für potenzielle Mitarbeiter als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren, testen Firmen verschiedenste Maßnahmen und Modelle. „Es gibt leider kein Patentrezept, wie Unternehmen auf diese Veränderungen reagieren können“, sagt Reiter. Vielmehr sei es ein Herantasten an neue Möglichkeiten, die im Einzelfall firmenintern funktionieren.
Trends und Veränderungen.
Der Wandel spiegelt sich beispielsweise auch in den Büroflächen und Strukturen wider: „Das territoriale Denken ist weniger geworden. In vielen Unternehmen gibt es zum Beispiel gar keinen fixen Arbeitsplatz mehr.“ Die Mitarbeiter checken ein und nach getaner Arbeit wieder aus. Schließlich halten sich Mitarbeiter, je nach Beruf, bis zu zwei Drittel ihrer Zeit außerhalb des Unternehmens auf. Nach Bedarf nehmen sich Angestellte einen Arbeitsplatz. Manchmal liegt die Anzahl der Schreibtische sogar unter jener der Mitarbeiter.
Für Führungskräfte bedeutet das, dass sie ihren Mitarbeitern mehr Freiheiten geben und Vertrauen entgegenbringen müssen, da Arbeit nicht mehr unbedingt an Präsenz gebunden ist. Oft erfolgt die Leistungskontrolle dann über Zielvorgaben, die es zu erreichen gilt. „Projektbezogenes Arbeiten nimmt ebenso zu wie die Mischform von Unternehmer und Angestelltem, sogenannte Self-Entrepreneure.“ Dabei haben Mitarbeiter unternehmerische Verpflichtungen, sind aber angestellt.
Eine Frage der Generation.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass sich die Anforderungen an den Job von Generation zu Generation unterscheiden. „Generation Y und Digital Natives haben gänzlich andere Vorstellungen von Arbeit und Freizeit als ältere Generationen“, sagt der Experte. Die Jahrgänge ab 1980 sind bereits großteils oder gänzlich mit den neuen Technologien aufgewachsen. Durch die stetig wachsende Vernetzung überschneiden sich Beruf und Freizeit und lassen sich immer weniger klar trennen. „Deshalb sprechen Experten auch nicht mehr von Work-Life-Balance, sondern von Work-Life-Blending“, erklärt Reiter. Dies lässt sich insbesondere bei großen IT-Konzernen erkennen, wo im Firmengebäude bereits Freizeitbereiche integriert sind. Verschmelzung von Arbeit und Freizeit lautet hier also die Devise.
Jede Generation hat ihre Werte. Laut dem Experten haben die nachrückenden Generationen kein so ausgeprägtes Leistungsdenken mehr. Ihnen geht es vor allem um Selbstverwirklichung. „Vor die Wahl gestellt, ob sie mehr verdienen

„Projektbezogenes Arbeiten nimmt ebenso zu wie die Mischform von Unternehmer und Angestelltem, sogenannte Self-Entrepreneure.“
Andreas Reiter, Zukunftsforscher
oder sich selbst verwirklichen wollen, würde sich die Mehrheit wahrscheinlich für die Selbstverwirklichung entscheiden“, so Reiter.
Kampf um qualifizierte Arbeitskräfte.
Demografische Entwicklungen und Fachkräftemangel führen dazu, dass junge, qualifizierte Fachkräfte am Arbeitsmarkt rar und gefragt sind. Dadurch spielen Employer Branding und eine starke Unternehmensmarke künftig eine noch wichtigere Rolle, um neue Mitarbeiter für die eigene Firma zu begeistern. „Früher gab man eine konkrete Anzeige auf, welchen Mitarbeiter man als Unternehmen sucht“, berichtet der Zukunftsforscher.
Heutzutage könne man vermehrt den umgekehrten Trend beobachten, dass Betriebe sich mit Videos bei den Arbeitnehmern bewerben, um sich als attraktiver Arbeitgeber bei den wenigen Hochqualifizierten zu positionieren.
Modelle für die Zukunft.
Außerdem müssen Betriebe nachgefragte Arbeitsmodelle umsetzen, um im Vergleich zur Konkurrenz nicht den Anschluss zu verlieren, wie etwa die Möglichkeit für ein Sabbatical. Denn die Zahl jener, die sich für längere Zeit beruflich freistellen lassen, wird Andreas Reiter zufolge wachsen: „Mitarbeiter – vor allem in stressreichen Berufen – gehen immer häufiger für einige Monate bis zu einem Jahr ins Sabbatical.“ Vielfach wird die temporäre
Auszeit für Weiterbildung oder Selbstverwirklichung genutzt, um motiviert und energiegeladen wieder zurückzukommen. Inzwischen gibt es – entgegen dem Trend zu All-in-Arbeitsverträgen – auch für Management-Positionen Sharing-Modelle. So teilen sich etwa zwei Personen eine Führungsposition jeweils zur Hälfte, was zu mehr Motivation und Arbeitsbereitschaft führt. Potenzial sieht der Zukunftsforscher auch im Bereich der hochqualifizierten Frauen, schließlich befinden sich wesentlich mehr Frauen in akademischen Ausbildungen als Männer. „Deshalb gilt es künftig, sich verstärkt auf das Reservoir der Frauen zu konzentrieren. Das gelingt aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, betont Reiter, „besonders hinsichtlich Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“