Frauen bei Raiffeisen

Ein Hauch von Business-Punk

Mit Katja Hutter sitzt seit vergangenem Jahr eine überaus vielseitige
Innovationsforscherin im Aufsichtsrat der RLB. Weil die junge und international bestens vernetzte Universitätsprofessorin das, was sie lehrt, auch gerne selbst erprobt, ist sie nebenbei noch Unternehmerin. Mit einem Spaßprojekt, wie sie sagt: dem ersten vollständig co-kreierten Eierlikör.

Fotos: Günter Kresser

Zur Person

Katja Hutter ist seit 2017 Professorin für Innovation & Entrepreneurship an der Universität Innsbruck. Sie promovierte bei Kurt Matzler und forschte unter anderem an der Harvard University. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Digitale Transformation und der Einfluss neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz auf das Innovationsmanagement. Seit dem Vorjahr sitzt sie als unabhängiges Mitglied im Aufsichtsrat der RLB Tirol.

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ls eine außergewöhnliche Forscherin bezeichnete Rektor Tilmann Märk sie bei ihrer Antrittsvorlesung im Mai vor zwei Jahren. Außergewöhnlich ist tatsächlich einiges in der Vita von Katja Hutter. Ihre rasante Universitätskarriere, die vielfach ausgezeichneten Forschungsarbeiten, ihr Status in der internationalen Science-Community. So forschte die aus dem Pinzgauer Rauris stammende Betriebswirtin u. a. im NASA Tournament Lab an Innovationsprojekten, zudem ist sie seit 2013 Visiting Fellow am Laboratory for Innovation Science der Universität Harvard. Mit 34 erhielt sie bereits ihren ersten Ruf als Professorin für Marketing und Innovation an die Uni Salzburg, ein Jahr später kam eine weitere Professur im Bereich Innovation & Entrepreneurship an der Uni Innsbruck dazu. Seit dem Vorjahr ist sie zudem unabhängiges Aufsichtsratsmitglied der Raiffeisen-Landesbank Tirol, was sie gleich zum Anlass nahm, die aktuellen Herausforderungen in der Bank- und Versicherungsbranche in ihren Masterkursen zu thematisieren. 

Kundenbedürfnisse als zentrales Thema

Obwohl sie sich während ihres Auslandsjahres in Kanada in Banking & Finance spezialisierte, erlebe sie das Bankwesen nun in ihrer Position als Aufsichtsrätin als enorm komplex, gesteht sie uns gleich zu Beginn. Alleine was den Überprüfungsgremien – sprich FMA und EZB – immer wieder an neuen Berichterstattungs- und Beaufsichtigungs-verpflichtungen einfalle, das müsse man als Organisation erst mal stemmen, findet sie. Die Aufgabe habe sie natürlich sehr gereizt, auch wenn sie zunächst kurz zögerte. „So eine Möglichkeit erhältst du nicht jeden Tag“, riet ihr dann ein erfahrener Professorenkollege. Also habe sie zugesagt. Einbringen möchte sie sich vor allem mit den richtigen Fragen zum Thema Digitale Transformation, erzählt Hutter. Das sei ja ihr spezielles Steckenpferd. Wahrzunehmen und rauszufinden, wo die wahren „Pain Points“ des Kunden liegen. Denn eben diese eröffnen letztlich das Feld für Innovationen und neue Geschäftsfelder, was die Fintechs dieser Welt bereits jetzt in großem Stil vorexerzieren. Daher seien gerade traditionelle Banken sehr gefordert, mit ihren digitalen Angeboten entsprechend nachzuziehen, so Hutter, die sich in ihrer aktuellen Forschung vermehrt mit dem Einfluss neuer Technologien wie etwa der Künstlichen Intelligenz auf das Innovationsmanagement beschäftigt. 

„Durch die aktuelle Krise ist die Digitalisierung in der Gesellschaft angekommen.“

Katja Hutter, Universitätsprofessorin für Innovation & Entrepreneurship

Füll-das-Glas GmbH

Als Viertgeborene von insgesamt sieben Kindern musste sich Hutter vermutlich schon früh mit den unterschiedlichsten Vorlieben in ihrer eigenen Familien-Community auseinandersetzen. Die ungemein jugendlich wirkende Innovationsexpertin will jedenfalls das, womit sie sich gerade beschäftigt, ob als Forscherin, Hochschullehrerin oder nun auch als Aufsichtsrätin, immer bis in die Tiefe hinein ergründen. Und scheut dabei auch vor dem Selbstversuch nicht zurück. So wurde aus einem anfänglichen Spaßprojekt ein eigenes kleines Unternehmen, welches sie nach wie vor mit ihren zwei Gründungspartnern betreibt. Einer davon ist übrigens Institutskollege Johann Füller, ebenso wie sie Professor für Innovation & Entrepreneurship. Dass das Trio Sinn für Humor haben muss, beweist allein schon der GmbH-
Name „Füll-das-Glas“. Gemäß dem Motto, nicht selbst Wasser zu predigen und dann Wein zu trinken, lancierten die erfindungsreichen Innovationsspezialisten Hutter und Füller kurzerhand ihre eigene Crowdsourcing-Feldstudie und ließen von „Kennern, Profiköchen und Likör-Neulingen“ den weltweit ersten vollständig co-kreierten Eierlikör entwickeln, den sie unter dem Label MyEier über einen eigenen Onlineshop, Amazon und im stationären Handel vertreiben. 

Radikaler Wandel 

Das Unternehmen, so Hutter, sei de facto zu klein, um davon leben zu können, aber zu groß, um es wieder sterben zu lassen. Natürlich habe Corona auch ihrem Absatz zugesetzt, erzählt Katja Hutter bei unserem Treffen an ihrem Institut im vierten Stock der SoWi. Und der Absatzbringer Christkindlmärkte werde ihnen so wie vielen anderen heuer ebenfalls wegbrechen. Also arbeite man jetzt eben an der Optimierung des Bestellmanagements, der Logistik und des digitalen Vertriebs. Auch das ein Learning, das sie derzeit mit vielen anderen Unternehmen teilen dürften. Unternehmen müssten eigentlich ständig wandlungsbereit sein, sagt Hutter. Denn wer sich dem Wandel nicht stelle, werde über kurz oder lang verschwinden. Sie sei nun wirklich kein Fan von Corona, aber durch diese Krise sei die Digitalisierung vollends in der Gesellschaft angekommen. „Über Jahre haben wir nur davon gesprochen, jetzt müssen wir sie umsetzen.“ Das sei an den Universitäten nicht anders. Die Lehre habe sich in den letzten Monaten dramatisch verändert, sie sei mit ihren Studentinnen und Studenten nur noch online in Kontakt. Da müsse man sich ganz neue Formen der Didaktik überlegen und gegebenenfalls auch neue Spielregeln vereinbaren: „Mein erster Satz bei meinen Lehrveranstaltungen lautet nun: Kamera an,“ berichtet sie mit einem verschmitzten Lächeln. Denn in den Anfängen habe sich der eine oder andere ihrer Studis noch im Chillmodus, sprich von der Couch aus, zugeschaltet. „Ich habe ihnen dann erklärt, dass wir ein vernünftiges Arbeitsumfeld brauchen.“ Und sie erwarte sich einfach auch einen gewissen Respekt. 

 

Sie ist eine Innovationsexpertin, die auch selbst gern mitanpackt. Katja Hutter will in den Aufsichtsrat der RLB vor allem ihre Expertise im Bereich Digitale Transformation einbringen.

 

Fürs Unternehmerleben lernen

Entrepreneurship, davon ist Hutter überzeugt, sei jedenfalls erlernbar. Anders als noch zu ihrer Studienzeit, wo das gar kein Thema war, möchte sie als Lehrende möglichst viele ihrer Masterabsolvent/innen für die Selbstständigkeit oder ein eigenes Unternehmen vorbereiten. Tatsächlich sei die Zeit für eine Unternehmensgründung ja nie besser als gleich nach dem Studium, findet Hutter. In dieser Lebensphase könne man noch all seine Ressourcen in ein Themengebiet einbringen, habe meist noch keine anderen Verpflichtungen und sei es zudem gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Aus diesem Grund arbeite man derzeit an der Uni Innsbruck an einem Entrepreneurship-Erweiterungsstudium für alle, erzählt uns Hutter nicht ohne Stolz. So können sich künftig auch Absolvent/innen anderer Disziplinen das Grundwerkzeug für eine mögliche Unternehmensgründung aneignen. 

Eine Frau, die anpackt

Der Bezug zur Praxis ist ihr generell wichtig: So begleitet und coacht sie etwa Unternehmen im Bereich Innovation und Digitale Transformation. Und in ihren Kursen lehrt sie nicht nur Innovationswerkzeuge wie Design Thinking und Lean Innovation, sondern lässt ihre Student/innen auch neue Geschäftsmodelle entwickeln. Manches Mal, gesteht sie, würde sie am liebsten selbst mitmachen. Daher möchte die vielseitige Forscherin über kurz oder lang auch selbst wieder bei einem Start-up-Projekt mitmischen. Idealerweise bei einem Spin-off, denn die Uni Innsbruck sei ein perfekter Platz für Unternehmensgründungen, so Hutter. Außerdem könne man Entrepreneurship ganz anders lehren, wenn man selber einer sei. Dass sie ein Hands-on-Typ ist und eher mit dem Label Business-Punk als mit jenem der unnahbaren Business-Lady kokettiert, erschließt sich einem schon nach den ersten Minuten. Unterm vermeintlich brav geschnittenen schulterlangen Haar hat sich Frau Professorin nämlich einen frechen Undercut rasieren lassen, und zum Termin erscheint sie in einem federleichten mehrlagigen Faltenrock mit lässiger Lederjacke, wuchtigem Schal und sportlichen Sneakers. Auch sonst ist sie von einer geradezu entwaffnenden Geradlinigkeit, etwa wenn sie plötzlich von ihrem Studentenjob im Käferzelt beim Oktoberfest erzählt. „Sie haben Maßkrüge gestemmt?“, fragen wir entgeistert und blicken besorgt auf ihre zartgliedrigen Handgelenke. Sicher, sagt sie, und lacht übers ganze Gesicht. 

 

Mit der ihr eigenen Zielstrebigkeit habe sie sich über die Jahre vom hintersten Winkel, wo man ihr zu Beginn nur zwei, drei Tische überließ, bis ins Mittelschiff des Zeltes vorgearbeitet und sich auch beim Käfer-Chef selbst einen entsprechenden Ruf erworben. Als er sie im letzten Jahr als Gästin im Zelt sitzen sah, raunte er einer ihrer Freundinnen dort zu. „Ich weiß, sie ist jetzt Uniprofessorin, aber meinst’, wir könnten sie fragen, ob sie uns kurz aushelfen könnte?“ Nun, er hat sie gefragt, und sie hat tatsächlich die Dirndlschürze gewechselt. „Aber die Schuhe auch“,  lacht sie. Einschenken kann sie also auch noch, zupacken sowieso. Selbst die finale Gretchenfrage nach dem lieben Geld wird sie mit Bravour parieren. Das Käfer-Gehalt habe sie immer schön diszipliniert auf die Bank gegeben, das Trinkgeld für Extraausgaben im Studium herangezogen. Nach zwei Stunden angeregtem Gespräch zwischen Fintech, Wiesn und Spin-off sind wir restlos überzeugt: Katja Hutter war und ist für Raiffeisen geradezu prädestiniert.

 

Christine Frei